Hannover ( NI ) - Germany
Admin of artists : Elias Schwerdtfeger
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Joined : May 28, 2006
Die beiden Alben von Schickers Mind, die in diesem Mix verarbeitet wurden, waren einmal für mich so etwas wie die "Jamendo-Entdeckung" des Jahres, verließen sie doch die allzu ausgetretenen Wege der populären elektronischen Musik und suchten ihr Heil in bedrückender, brachialer Dunkelheit, die einem oft um die Boxen fürchten ließ.
Niemals hätte ich geglaubt, dass sich aus diesem Material auch tanzbare und mitreißende Grooves bauen lassen könnten, zu sehr drängte sich die bedrückende Atmosphäre in den Vordergrund. Aber manchmal begegnet man auch etwas Unglaublichem. So auch in diesem recht langem, aber durch die hohe Variablität seines Materiales niemals langweilig werdendem Mix. Die fühlbare Finsternis des Ausgangsmateriales hat sich erhalten, aber sie ist aus ihrer bedrückenden Starre befreit worden, will etwas in Bewegung setzen. Und. Das gelingt ihr auch vortrefflich.
Aber "tanzbar" bedeutet hier keine simpel gestrickten, linearen Rhythmen, wie sie für jene kommerziellen Spielarten des Techno der späten Neunziger Jahre so prägend wurden, die es als massenkompatible "Marschmusik für den Dritten Weltkrieg" auch in die breiter rezipierten Medien schafften. Nein! Vielmehr weckt dieses "tanzbar" Erinnerungen an die wirkliche Blütezeit des Techno; an dunkle, auf dem ersten Blick wenig zum Feiern geeignete Räumlichkeiten, an unbändige Experimente heute zumeist unbekannter Künstler, welche die Räume der synthetischer Klangfülle zu ekstatischen Mustern anzuordnen verstanden und an Stunden, die zum Exzess geraten konnten. Es ist etwas von jenem endlosen Tanz des Techno in diesem Mix, der über die karnevaleske Kommerzialisierung einer einst marginalen Szene der Neunziger Jahre schon längst verloren und vergessen schien. Und. Dies alles nicht ohne jeden Verzicht auf jene Dunkelheiten, die zum inhärenten Bestandteil des Lebens in den Gesellschaften der Jetztzeit geworden sind.
Dieser Mix ist wirklich gelungen. Und er ist. Unglaublich.
Ich bin ja, was Musik betrifft, eher ein Vertreter der "melodisch-harmonischen" Fraktion. Aber es gibt in Wirklichkeit nun einmal genau zwei Arten von Musik, nämlich gute und schlechte. Und Störung von Schickers Mind ist gute Musik, und zwar richtig gute.
Wer bei der Genrebezeichung "Experimental, Electro" den üblichen Einheitsbrei erwartet, der irgendwo zwischen Techno und Popmusik liegt, wird von diesem Album bitter enttäuscht werden. Die feingestrickten rhythmischen Muster sind mitreißend, aber alles andere als eingängig oder gar abgegriffen. Wer von Elektromusik vor allem erwartet, sich dazu entspannen zu können und sich davon hypnotisieren zu lassen, ist hier an der falschen Adresse. Es ist ein Album zum Hinhören, und es zwingt zum Hinhören. Die Brüche in den einzelnen Stücken sind aufwühlend und verbreiten eine beinahe bedrohliche Atmosphäre, und um jedes Plätschernlassen im Hintergrund zu unterbinden, wird die Aufmerksamkeit von wohlgesetzten und immer wieder überraschenden Brachialgeräuschen regelrecht erzwungen. Man kann dabei fast schon Angst um seine Wiedergabegeräte kriegen, wenn man dieses Werk in der angemessenen Lautstärke hört.
Und das, worauf die Sinne gezwungen werden, ist eine Musik, die man so schnell nicht wieder vergisst! Es ist Musik zwischen Lust und Trauma, direkt aus einer Hölle klingend, in die man gern fährt - wenn man nur den Rückweg nicht vergisst.